Tischtennis verbindet die Welt. Und die Menschen, die in ihr leben. Normalerweise. Doch die Verbindung von kleinem Schläger und kleinem Ball ruht. Wieder – oder immer noch. Der unverwechselbare Sound des Sports ist weitgehend verhallt. Kein Ping. Kein Pong. Keine internationalen Turniere. Kaum Ligabetrieb. In Deutschland etwa wird nur noch in der 1. Bundesliga gespielt. Corona diktiert das Geschehen, auch bei und für Borussia Dortmund, am Borsigplatz genauso wie in Budapest.

Der verabredete Anruf aus Budapest lässt auf sich warten. Es hatte sich kurzfristig noch etwas ergeben. Eine Chance diesmal, eine Chance auf ein Training. Eine seltene Gelegenheit. Krisztian Nagy, Borussias Nummer 3 in der Zweitliga-Mannschaft, hat sie am Nachmittag vor Inkrafttreten der durch die Regierung Viktor Orbáns noch einmal drastisch verschärften Corona-Schutzmaßnahmen in Ungarn genutzt. „Die Regeln verändern sich jede Woche, aber in der Tendenz wird es immer schwieriger“, berichtet Nagy. 

Alle Sporthallen im Land sind geschlossen, seit Wochen schon. Gleiches gilt für Restaurants und Kulturhäuser und Freizeitstätten. Der Tourismus liegt brach. Schulen ab der Jahrgangsstufe 8 und Universitäten mussten auf Beschluss und Grundlage des verlängerten Gefahrennotstandsgesetzes komplett von Präsenz- auf Digitalunterricht umstellen. Hinzu kommt die nächtliche Ausgangssperre. Nagy macht sich große Sorgen um seine Landsleute, vor allem wirtschaftliche. Generell schwierig bleibe es wohl für zwei bis drei Jahre.

Immerhin: Ihm gehe es in Budapest gut, seine Familie sei gesund, Frau Kamilla und der zweijährige Kitán. „Mein Sohn macht mein Programm“, sagt Krisztian Nagy, lacht, und fügt an: „Ich habe sicher nicht zu wenig zu tun.“ Zumal zugleich der Umzug in ein neues Appartement zu stemmen war; eines mit Kinderzimmer und größerem Bad. Der Handarbeiter von der Tischtennisplatte ist zum Handwerker geworden. Er hat Wände eingerissen, neu aufgebaut und angestrichen. Das alles in nur 14 Tagen. 

„Den zweiten Lockdown wird nicht jeder Verein aushalten. Andere sind noch viel stärker auf Eintrittsgelder und spieltaggebundene Sponsoringerlöse angewiesen …“

Drei Wochen lang war der Ungar zuvor in Deutschland gewesen. Am Stück, was durchaus ungewöhnlich ist. Vor Corona ist er immer passend zu den Spielen eingeflogen. „Doch das wollten wir ihm und uns vereinfachen“, sagt Bernd Möllmann, Abteilungsleiter Tischtennis bei Borussia Dortmund. Um immer neuen Testungen und Quarantäne-Zeiten Vorschub zu leisten und das im Vergleich teurere Hotelzimmer zu sparen, wurde bei Airbnb eigens eine möblierte Wohnung angemietet. Vier Spiele an vier aufeinander folgenden Wochenenden hätte Nagy so für Borussia Dortmund absolvieren sollen. Doch dann stiegen die Corona-Zahlen im Oktober wieder sprunghaft an, und der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) räumte die Möglichkeit ein, Punktspiele auch punktuell abzusagen, sofern eine der beteiligten Mannschaften aus einem Corona-Hotspot kam. „So wurde nach und nach alles abgesagt. Auch wir wollten das Risiko irgendwann nicht mehr eingehen. Das wäre mit Blick auf unsere Ehrenamtler unverantwortlich gewesen“, erklärt Möllmann. Ende November hat die Zweitliga-Mannschaft zwei Saisonspiele (und 3:1-Punkte) auf der Uhr. Die Tabelle ist schief – und der Umgang mit dem neuerlichen Lockdown schräg. In der TTBL wird weitergespielt, da die erste Liga als Profi-Liga gilt. Von der Kreisklasse bis hinauf zur Regionalliga mit Borussias zweiter Mannschaft wurde der Spielbetrieb sogleich bis Jahresende (31.12.) unterbrochen und zugleich eine Saison mit einfacher Spielrunde, also der Verzicht auf Hin- und Rückspiel, verfügt. Und die 2. Liga? Die hängt dazwischen. Sie wurde vom DTTB offiziell nicht als Profi-Liga eingestuft, der Spielbetrieb auf dieser Grundlage ausgesetzt. Zugleich wurden die Trainingsmöglichkeiten gekappt. Die Hallen sind geschlossen. In Dortmund wie in Budapest.

„… deshalb bin ich froh, dass wir der BVB sind und als Tischtennis Abteilung unter dem Dach des Hauptvereins stehen. Das schützt uns und bietet auch Sicherheit für unsere Spieler.“

Bernd Möllmann, Abteilungsleiter Tischtennis 

„Ein Hochfahren aus dem Stand heraus ist absolut unrealistisch“, sagt Bernd Möllmann. Und selbst Evgeny Fadeev, vom Abteilungsleiter „Pragmatiker“ genannt, „der immer mit Gedanken an Ball und Schläger ist“, sagt: „Für den Formaufbau nach dem Lockdown brauchen wir Minimum zwei Monate.“

Daraus ergeben sich zwei überhaupt nur denkbare Modi: Eine einfache Runde, wie für alle Ligen unter der 2. Bundesliga jetzt schon vorgesehen, oder ein pickepacke voller Spielplan. „Wir haben zwei Spiele von 18 gemacht. Hieße, wir müssten bis Ende April noch 16 absolvieren“, rechnet Möllmann vor und kommt zu dem Schluss: „Das ist möglich, aber ambitioniert – und sicher nur durchführbar, wenn internationale Ranglistenturniere wie die offenen Meisterschaften diverser Länder abgesagt werden.“ 

Krisztian Nagy in Budapest geht genau davon aus. Die Durchführung internationaler Turniere sieht er nicht mal am Horizont und auch die Wiederaufnahme des Ligabetriebs wird nicht mehr in diesem Jahr stattfinden. Andere Mannschaften hätten schließlich viel mehr Spieler aus aller Herren Länder unter Vertrag, die jetzt nicht bei den Klubs vor Ort seien. 

Bis wieder gespielt werkann, gelte es durchzukommen, durchzuhalten – und die Zeit sinnvoll zu nutzen. Als Profi, als der er in Ungarn gilt, kann der 31-Jährige zumindest zwei- bis dreimal in der Woche in dem einen noch geöffneten nationalen Profi Center in Budapest mit den Nationalspielern seines Landes trainieren. Dazu kommt die eine oder andere Privatstunde an der Tischtennisplatte – und unerwartet viel Familienzeit im neuen Appartement der Nagys.

Die hat auch Familie Fadeev. 946 Kilometer Luftlinie von Budapest entfernt, wechselt Evgeny Fadeev mit seiner Frau Oxana und seinem jüngeren Sohn Yannick einige Bälle in einer Garage. Zur Not würde er sich auch einen Tisch ins Wohnzimmer stellen; also einen, an dem man Tischtennis spielen kann. „Ganz ohne würde ich wirklich durchdrehen.“ Wie gesagt: Fadeev ist Pragmatiker. Und Praktiker. 

Das gilt für alle Fadeevs. Kirill, der ältere Sohn, hat den Vorteil, am Leistungsstützpunkt in Düsseldorf normal weitertrainieren zu können – aber nur, weil er U23-Nationalspieler ist. Andere Bundesländer haben ihre Stützpunkte sogar generell für Landeskader geöffnet. Wiederum andere können nichts tun. Wie Borussias Topspieler Erik Bottroff. „Erik kann nichts machen“, sagt Evgeny Fadeev – und hadert: „Auch wenn die 2. Bundesliga nicht als Profi-Liga gilt – wir sind doch Profi-Sportler.“
Autor: Nils Hotze 
Fotos: Hatice Kaya, Mareen Meyer